Sabine Kessler                 Heilpraktikerin für Psychotherapie
 
Durch Unglück oder eigene Fehler entstandenes Seelenleiden kann der Verstand nicht heilen, die Vernunft wenig, die Zeit einiges, entschlossenes Tun hingegen alles.                                            nach J.W. von Goethe

Der Rohrleerling

Hat der alte Klempnermeister

Sich doch einmal wegbegeben!                               

Und nun sollte seine Leistung

Auch für meine Wünsche leben.

Seine Kraft und Werke

Braucht der volle Bauch

Und mit Geduld und Stärke                               

Mach ich manches auch.


Drücke! drücke

Manche Stelle,

Dass, mit Welle,

Wasser fließe

Und sich manches gute Stücke                                     

In das Rohr hinein ergieße.


Und nun leer’, du alter Klempner                               

Die verstopften Rohreshüllen!                               

Bist schon lange weggewesen;                               

Nun erfülle meinen Willen!

Auf, nun komm’ und stehe

Mit dem Gummipfropf,                               

Eile nun und gehe                                 

Zu dem Wassertopf!


Drücke! drücke

Manche Stelle,

Dass, mit Welle,

Wasser fließe

Und sich manches gute Stücke                               

In das Rohr hinein ergieße.


O du Ausgeburt des Lokus’,

Du sollst drücken und nicht stampfen!                               

Sieh’, schon überquillt der Abfluss

Und das Rohr fängt an zu dampfen!                               

Du verruchter Klempner,

Machst nicht, was ich will!                              

 Wirst ja noch behänder,                               

Stehst du endlich still?!


Wehe! Wehe!

Rohresteile

Fliegen steile

Schon als Stücke

Völlig lose in die Höhe!

Helft mir, ach, welch’ große Lücke!

Wasser läuft, und nass und nässer                               

Wird’s im Gang und auf den Stufen;                               

Welch‘ entsetzliches Gewässer!

Himmel, hört mich niemand rufen?!

Solch’ ein Glück: das Fenster.

Oh, die Not ist groß!                                     

Die wässrigen Gespenster                               

werd’ ich endlich los.


Auf den Hof

Und die Terrassen

Stürzen nasse Wassermassen.

Gefahr gebannt! Doch kann mich nicht begeistern

Und traue niemals mehr

Den so genannten Klempnermeistern.

2000



Der Leiter einer Schule

Es saß auf einem Stuhle

( verwirrt er nichts versteht )  

der Leiter einer Schule           

vor dem Reformpaket.  


Es ging ihm nichts darunter,              

er wusst’ nicht ein noch aus.           

Die Kollegen war’n noch munter,      

er schwieg sich sinnend aus.  


Und als sie kam zu leben,         

die Norm in ihrem Reich,     

gönnt’ er sie den Kollegen,      

den Schülern auch zugleich.  


Er stand im Klassenzimmer,

die Schüler um ihn her.  

Die Nachricht glückt’ ihm nimmer,          

sie lastete zu schwer.  


Dann starb dem alten Lehrer        

die letzte Lebensglut;                  

das Herz wurde ihm schwerer,       

schwand ihm aller Mut.


Man sah ihn stürzen, ringen         

mit dem Reformenheer.  

Die Kraft, die tat ihm sinken,           

sprach nie ein Wörtchen mehr.  


2006



Der Geist im Schulhaus

Wer streift so spät durch der Schule Gewind’?

Es ist der Lehrer mit einem Kind;                    

Er fasst den Kanben hart an dem Arm,

er führt ihn sicher, ohne Erbarm'n.


Hans-Jörg, was birgst du so bang dein Gesicht?“

Sehen Sie, Herr Lehrer, den Hausgeist denn nicht?

Den Folterknecht mit Kette und Keil...“                         

„Hans-Jörg, mich sorgt dein Seelenheil!“


Du liebes Kind, komm her zu mir!

Gar schaurige Dinge mach ich mit dir.                       

Mein Name ist Bernhard von Brabant,                 

manch unstete Zeiten sah mein Gewand.“


Herr Lehrer, Herr Lehrer, hören Sie denn nicht,                               

was Bernhards Geist da zu mir spricht?“                                          

„Sei ruhig, bleibe ruhig Hans-Jörg!

Die Luft man manchmal raunen hört.“


Willst, netter Junge, du mit mir gehen?                       

Deine Seele soll mich beglücken schön,                         

deine Seele wird mir bald verzeih’n,                            

denn ich führe und reihe und weihe dich ein.“


Herr Lehrer, Herr Lehrer, und sehen Sie nicht dort

Bernhards Verlockung zum düsteren Ort?“                             

„Hans-Jörg, Hans-Jörg, ich seh’ es genau:                               

Es scheinen die dunklen Ecken so grau.“


Ich will dich, du reizt mich zur Gewalt.

Und willst du nicht, wird Gewalt zur Gestalt.“                       

„Herr Lehrer, Herr Lehrer, jetzt weht er heran,                 

der Geist, er haucht und fasst mich an.“


Dem Lehrer reicht’s, er zieht geschwind

durch das Gewind’ auf den Hof das Kind;                             

er erreicht den Hof mit Mühe und Not.                             

War Bernhard, der Geist, nun wirklich tot?!    


2006




Weidenrösslein

Sah ein Heid’ ein Rösslein stehn,         

Rösslein auf den Weiden,                      

war so stramm und stählern schön,            

lief er schnell, es nah zu sehn,               

sah’s mit großen Freuden.             

Rösslein, Rösslein, Rösslein dort, 

Rösslein auf den Weiden.  

Heide sprach: Ich zähme dich,            

Rösslein auf den Weiden!                  

Rösslein sprach: Ich werfe dich          

auf die weiten Weiden.                        

Ich kann dich nicht leiden.                

Rösslein, Rösslein, Rösslein dort,

Rösslein auf den Weiden.  

Und das wilde Rösslein warf                                

den Heiden auf die Weide,                              

Heide wehrte sich, doch brach                              

der Arm, der Rumpf; mit großem Krach               

musst’ er viel erleiden.                                 

Rösslein, Rösslein, Rösslein dort,                      

Rösslein auf dem Heiden.      


2006